Teil 3: Das Gegensatz-Prinzip – Seite 12 – Erkenne Dein Selbst
Das Ding an sich

Teil 3: Das Gegensatz-Prinzip

1.12 Steuerung durch Rückkopplung

Jetzt sollten Sie vielleicht eine Frage stellen, die Ihnen schon länger aufgefallen ist. Wenn Sie in Ihre Umwelt gucken, sehen Sie nicht nur Gegensätze, die sich dia­metral entgegenstehen. Es gibt offensichtlich auch so etwas wie warm statt heiß und kalt oder neutral statt positiv und negativ oder Dämmerung statt Tag und Nacht, usw. Also ein Zustand, in dem beide Gegensätze sich in etwa die Waage halten oder eine Mischung darstellen. Wie paßt das in unsere Theorie hinein?

In diesem Zusammenhang möchte ich kurz auf eine Wissenschaft eingehen, die im Grunde das Gegensatz-Prinzip schon längst für sich eingenommen hat. Es handelt sich dabei um die Kybernetik, die lange nicht so schwierig ist, zumindest in den elementaren Bereichen, wie man zunächst denkt.

Kybernetik kommt von kybernetes, d.h. Steuerung, und gemeint ist damit die Steuerung von Systemen. Auf unseren Fall bezogen heißt das: Wer steuert das Spiel der Gegensätze? Wann, in welchem Ausmaß werden wir damit konfron­tiert und wann nicht.

Wir waren gerade an einem wichtigen Punkt. Zwischen den Gegensätzen herrscht eine Art Spannung. D.h. es besteht eine Wechselwirkung. Je stärker wir die eine Seite betonen, desto mehr werden wir mit der anderen konfrontiert.

Nehmen wir z.B. das Geld. Solange wir keine Notiz davon nehmen, ist es nur ein Stück Papier oder ein Stück Metall. In dem Moment, wo wir es besitzen wollen, weil es uns Vorteile bringt, beginnt die Geschichte. Da wir es gerne haben möchten, fehlt es uns. Und wenn wir es haben, geben wir es ungerne weg. Wir freuen uns zwar an seinem Besitz, haben aber Angst vor Verlust.

Das Ausmaß des jeweiligen Gegensatzes, also hier Angst vor Verlust, steigt mit der Menge an Geld, das wir besitzen. Wenn jemand nur seine Arbeitskraft besitzt und sonst nichts, hat er z.B. einen Dieb nicht zu fürchten. Je mehr Reich­tümer sich bei ihm allerdings anhäufen, desto ängstlicher wird er. Er schließt die Tür ab, bringt Sicherheitsketten und Alarmanlagen an, mietet sich einen Safe, usw. In der Kybernetik nennt man diese Verstärkung Rückkopplung, und zwar wird zwischen einer positiven (fördernden) und einer negativen (hemmenden) Rückkopplung unterschieden.

Eine typisch positive Rückkopplung ist, da wir gerade vom Geld sprechen, das Anwachsen eines Sparguthabens. Geld bringt auf dem Konto Zinsen. Diese er­zeu­gen wiederum Zinsen, weil sie ja nun auch auf dem Konto liegen, die sogenannten Zinseszinsen, usw. Das Guthaben wächst lawinenförmig an. Natürlich nur über einen längeren Zeitraum.

Wo steckt hierbei, so werden Sie sich vielleicht fragen, eigentlich der Gegensatz? Wenn Geld Geld bringt, ist ein Gegensatz nicht zu sehen. Das stimmt natürlich nicht. Denn die Zinsen stehen als Gegenleistung für die Tatsache da, daß ich der Bank mein Geld geliehen haben. Sonst würde sich das Geld nicht vermehren.

Guthaben und Zinsen (Leistung und Gegenleistung) verstärken sich also in einem positiven Rückkopplungseffekt. Wenn wir von positiv reden, müssen wir natürlich auch die negative Seite erwähnen. Der negative Rückkopplungseffekt entsteht durch die Tatsache, daß ein größeres Guthaben nicht unbedingt mehr Zinsen bringt. Angebot und Nachfrage (auch ein Gegensatz) reguliert den Preis. Wenn das Angebot (Geld) immer größer wird, sinkt der Preis (Zinsen). Im Extremfall sinkt er auf Null, wenn nämlich jeder soviel davon hat, daß er keinen Kredit benötigt. Andererseits wird Geld auch verbraucht. Z.B. für Investitionen, so daß der Zinssatz wieder steigt.

Dieses Spiel findet überall statt, wo Gegensätze sind. Nehmen wir einmal an, Sie schicken Ihr Kind auf eine höhere Schule, damit es später bessere Verdienst- und Berufschancen hat (positive Rückkopplung). Bessere Chancen hat es aber nur dann, wenn nicht alle oder zumindest viele Eltern auf diese Idee kommen, was natürlich nahe liegt und tatsächlich auch passiert (negative Rückkopplung). Sollte das der Fall sein, sinken die Chancen Ihres Kindes, und Sie müssen sich etwas Neues einfallen lassen.

Tiere und Pflanzen, und mit Einschränkung auch Menschen, entwickeln sich nach dem gleichen Prinzip. Ist genügend Nahrung vorhanden, nimmt die Zahl einer Art in der Regel prächtig zu. Ab einem bestimmten Punkt reicht die Nah­rungs­grundlage jedoch für die dann vorhandene Zahl nicht mehr aus. Hunger, Krankheit, Kämpfe, Tod dezimieren die jeweilige Art auf das gesunde Maß.

Wir können deshalb unsere nächste Hypothese formulieren:

„Gegensätze verändern sich in ihrem Ausmaß durch positive und negative Rückkopplungseffekte“

Dieser Hypthese werden wir gleich noch eine weitere anfügen. Positive und ne­ga­tive Entwicklun­gen können sich nämlich auch die Waage halten und damit ge­gen­seitig neutralisieren. Wenn so­viel Geld verbraucht wird, wie angeboten wird, dann bleibt der Zinssatz in etwa gleich. Es entsteht ein Gleichgewicht, das man auch als Fließgleichgewicht bezeichnet. Ähnlich wie im Schwimm­bad, wo abfließendes und zufließendes Wasser im gleichen Verhältnis stehen müssen, um die Wasserhöhe zu garantieren. D.h. die Rückkopplungseffekte gleichen sich aus. Es entsteht eine scheinbar stabile Struktur. Und genau das ist es, was wir als konti­nuierliche, offensichtlich beständige und immer wiederkehrende Wirklichkeit empfinden.

„Wirklichkeit ist eine Rückkopplungsstruktur, in der verschiedene Gegensatz­paa­re so miteinander wechselwirken, d.h. sich fördern und hemmen, daß ein weit­ge­hen­des Gleichgewicht eintreten kann“

Wieweit es zu diesem Gleichgewicht kommt, hängt natürlich von verschiedenen Faktoren ab. Ein Verstärkungsprozeß, egal in welche Richtung, verstärkt sich natürlich nicht in alle Ewigkeit. Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, und es tritt der umgekehrte Effekt ein.

Um bei unseren Beispielen zu bleiben. Je größer das Guthaben ist, desto mehr vermehrt es sich zunächst. Irgendwann wird es jedoch eine Größenordnung erreichen, wo niemand mehr etwas damit anfangen kann. Die persönliche Wertschätzung von Geld wird nachlassen. Wenn man sich alles kaufen kann, wie weiland Dagobert Duck, wird Geld wieder so wertlos wie zu Anfang. Nämlich zu Papier. Nicht umsonst zünden sich die Supperreichen oder die, die sich dafür halten, manchmal die Zigarre mit entsprechenden Geldnoten an. Manche Leute werden mit steigendem Guthaben auch größenwahnsinnig. Sie spekulieren, um noch mehr Geld noch schneller zu besitzen und sind über Nacht ihr Geld los bzw. haben einen Haufen Schulden.

Auch für einen Schuldner kommt der Zeitpunkt, wo die Höhe der Schulden für ihn keine Rolle mehr spielt, da er sie eh nie wieder in diesem Leben zurück­zahlen kann. Wenn die Schulden ei­nen bestimmten Punkt überschritten haben, bekommt er sowieso keinen Kredit mehr, allenfalls zu Wucherzinsen, die das Ende noch beschleunigen. Da hilft dann nur noch der Offen­barungs­eid.

Diese Entwicklungen kann man mit einem Seil vergleichen, das immer weiter gespannt wird, bis es reißt. Kann ein Gegensatz reißen?

Was passiert mit dem Schuldner, wenn er den Bogen überspannt hat und mehr Schul­­den auf dem Buckel hat, als er jemals zurückzahlen kann. Er ist ge­schäft­lich tot, wenngleich er auch über Tricks (Schwarzarbeit, Geschäfte über die Ehe­frau) trotzdem noch recht gut leben kann. Der gestreßte Manager, der sich keine Ruhe gönnt, erleidet einen Herzinfarkt und kann nicht mehr auf seinen Sessel zurück.

Im Extremfall tritt bei Überspannungen tatsächlich der (geschäftliche) Tod ein. Wenn die Verbindung zwischen einem Gegensatzpaar reißt, dann verschwindet der Gegensatz. Er geht zurück ins Potential. Wenn Geld so wertlos wird wie Pa­pier, dann verliert es seine Funktion. Wir schenken ihm keine Beachtung mehr, als Multi-Millardär genauso wie als Opfer einer klassischen Inflation wie z.B. der nach dem 1.Weltkrieg. Der Manager, dem die Arbeit lieber war als die Ruhe, bekommt jetzt mehr Ruhe als ihm lieb ist, möglicherweise sogar die Ewige. Der Gegensatz existiert auf jeden Fall für ihn nicht mehr.

Umgekehrt, und jetzt kommen wir zu der Ausgangsfrage zurück, kann die Span­nung zwischen den Gegensätzen so gering werden, daß eine Unterscheidung nicht mehr möglich ist, d.h. gegen Null tendiert und damit ebenfalls ins Potential zurückkehrt. Wenn wir heißes mit kaltem Wasser mischen, (Gegensatz zwischen uns und der Temperatur des Wassers) kann die Temperatur unsere Körpertempe­ratur erreichen, und damit empfinden wir sie weder als wärmer noch als kälter, d.h. der Unterschied hebt sich auf. Es gibt keinen Gegensatz mehr zwi­schen unserer Körpertemperatur und der Wassertemperatur.

Ebenso ist es mit dem Tageslicht. Dämmerung bezeichnet einen Zeitpunkt, wo wir nicht mehr sagen können, ob es noch Tag oder bereits Nacht ist. Der Gegensatz ist aufgehoben.

„Spannungen zwischen Gegensätzen können so stark oder so schwach werden, daß sich der Gegensatz aufhebt und ins Potential zurückkehrt“

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