Das Ding an sich

Teil 3: Das Gegensatz-Prinzip

1.9 Das Spiel des Lebens

Wenn ich behaupte, ich hätte Sie erfunden, und Sie sagen mir, daß Sie schon vor dem Lesen dieses Buches gelebt hätten und somit nicht erfunden worden seien, schon gar nicht von mir, handelt es sich hierbei wiederum um den klassischen Gegensatz. Positiv und Negativ, Ja und Nein, stehen sich gegen­über. Wer hat Recht?

Weder ich noch Sie haben absolut recht. Aus meiner Sicht habe ich Sie als Leser und Käufer dieses Buches erfunden. Denn wenn ich es nicht geschrieben hätte, hätten Sie es nicht gekauft.

Das ist logisch. Andererseits müssen Sie schon vorher existiert haben, sonst hät­ten Sie nicht so schnell lesen lernen können und die Mittel dazu haben, dieses Buch zu kaufen. Das klingt auch logisch. Aus meiner Sicht spielt es allerdings keine Rolle, was Sie vorher gemacht haben. Ich will nicht sagen, daß es mir grundsätzlich egal ist. Für meine Wirklichkeit hat es jedoch keine Bedeu­tung, da ich eigentlich nichts Persönliches von Ihnen weiß, außer daß Sie sich für Philo­so­phie und Selbsterkenntnis interessieren.

Und genau dieser Aspekt ist es, den Sie auf der Bühne meines Lebens, also meiner Wirklichkeit, ausfüllen. Ich brauche das, was Sie vorher gemacht haben und neben dem Bücherlesen machen, nicht zu wissen.

Jeder von uns steht auf seiner eigenen Bühne. Jeder von uns ist Regisseur, Bühnen- und Masken­bild­ner, Hauptdarsteller und Zuschauer zugleich. Wir sind ständig dabei, die Fäden zu ziehen, Bil­der entstehen und verschwinden zu lassen, Darsteller zu engagieren, uns Applaus zu spenden oder andere dazu zu veranlassen.

Wenn Sie immer noch glauben, daß ich von einer Märchenwelt spreche, dann irren Sie sich. Ich meine, die tägliche Wirklichkeit, die uns umgibt.

Die Geschichte beginnt doch bereits im Mutterleib. Zwischen unserer Mutter und uns besteht eine wahrhaft enge Beziehung. Unsere Mutter wäre nicht unsere Mutter, wenn wir nicht wären und umgekehrt. Auf der Bühne unseres Lebens spielt Sie eine tragende Rolle. Sie ist ja auch nicht irgendeine Mutter, sondern die, zu der wir, aus welchen Gründen auch immer, den heißesten Draht haben.

Wenn wir bestimmte Bedürfnisse haben, artikulieren wir Sie, und die Mutter taucht auf. Sie füttert uns, hilft, erzieht, usw. Eine wichtige Frau. Der Vater natür­lich auch. Beide Elternteile spielen auf unserer Bühne eine wesentliche Rolle. Dann taucht z.B. der Klassenlehrer auf, der Schulfreund. Sie treten auf und verschwinden wieder. Selten, daß sie im späteren Verlauf des Stückes noch ein­mal gebraucht werden. Und so geht es weiter. Das Bühnenbild, sprich die Wohnung, die Umgebung wechselt. Der Ehepartner tritt auf den Plan. Mit ihm kann sich eine dauerhafte Beziehung entwickeln. Andere Personen (Freunde, Bekannte) treten auf und verschwinden wieder. Ein buntes Programm.

Was all die Leute zwischendurch bzw. vorher oder hinterher machen, interessiert uns in der Regel nicht besonders. Sie sind für uns nur wichtig, in dem Moment, wo sie in unserem Stück gebraucht werden. Aus den Augen, aus dem Sinn heißt es treffend.

Natürlich werden Sie jetzt sagen: Alles gut und schön. Doch was hat diese schö­ne Beschreibung für einen praktischen Nutzen? Es ist ja offensichtlich so, daß ich nicht ständig mit allen möglichen Leuten Kontakt halten kann, sondern daß in meinem Leben nur ganz bestimmte Personen und dann meistens nacheinander eine Rolle spielen. Das gilt natürlich für alle anderen auch. Was habe ich mit denen zu tun? Ich bin doch nicht für sie verantwortlich. Jeder muß selber ent­scheiden, ob er mit mir in Kontakt tritt. Was bringt also die Erkenntnis, daß wir auf einer Bühne stehen?

Ich sagte bereits, daß wir nicht nur Darsteller sind, sondern auch Regisseur oder auch Choreo­graph. Wir ziehen die Fäden. Wir bestimmen, wer auftritt und wer Pause macht. Wir verändern das Bühnenbild und bestimmen das Aussehen (innen wie außen) der übrigen Darsteller. Wieso?

Das Gegensatz-Prinzip besagt, daß Gegensätze zwar getrennt in Erscheinung treten, aber trotzdem zusammengehören. Wir können jetzt diese Behauptung noch erweitern, und zwar um die Hypothese:

„Gegensätze treten dann getrennt in Erscheinung, wenn wir einen davon betonen.“

Was das bedeutet, wollen wir im nächsten Kapitel behandeln. Zuvor noch eine Klarstellung: Ich gehe wirklich davon aus, daß jeder von uns auf seiner Bühne wie auf einer einsamen Insel lebt. Wir sind zusammen und doch gleichzeitig ge­trennt. Jeder hat seine eigene Wirklichkeit, die er selbständig gestaltet, ein­schließ­lich der sogenannten Zufälle. Daß, was wir Wirklichkeit nennen, die ma­te­riel­le Erscheinungsform anderer Wesen oder Bestandteile, sehe ich als eine Ent­spre­chung (Gegensatz) zu unseren inneren Einstellungen und Gefühlen.

Da Materie letztlich geistige Eigenschaften aufweist, erscheint diese Vorstellung (Die Welt als rein geistiges Ereignis), die die Inder als Maya bezeichnen, durchaus möglich. Wir brauchen uns nur an den Traum erinnern. Wenn wir träumen, glauben wir auch daran, daß die Traum-Wirklichkeit real ist. Warum sollte nicht auch die sogenannte reale Welt traumhaften Charakter haben?

Die schizophrene Situation, daß wir mit anderen Menschen Kontakt haben und trotzdem auf einer einsamen Insel wie alle anderen auch leben, ist eine Konse­quenz aus dem Gegensatz-Prinzip. Beides, total allein und trotzdem mit anderen zusammen zu sein, ist eine Erkenntnis, die man nur stückweise verar­bei­ten kann. Wie das Ganze funktioniert, werden wir wenigstens ansatzweise in diesem Buch nachvollziehen.

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