Das Ding an sich

Teil 3: Das Gegensatz-Prinzip

1.5 Zwei Seiten einer Medaille

Nach den Vorreden wird es vielleicht jetzt Zeit, an den Kern der Sache zu gehen. Der größte oder besser gesagt für uns wichtigste Gegensatz ist der zwischen Sein und Nicht-Sein (Sie merken, jetzt fängt es an, philosophisch zu werden). Sind wir, oder sind wir nicht? Shakespeare konnte diese Frage schon nicht lösen. Die griechischen Philosophen waren sich auch nicht einig darüber, auf welche Seite sie sich schlagen sollten. Schließlich resignierte, ich glaube, Sokrates mit seinem berühmten „Ich weiß nur, daß ich nichts weiß“.

Sie werden vermutlich sagen, daß Ihnen das ziemlich egal sei, ob sich die Philo­sophen über ihre Existenz bzw. Nicht-Existenz streiten. Für Sie zählt, daß Sie ein Dach über dem Kopf haben, genug zu beißen und möglichst gesund sind (Ver­zei­hung, wenn ich jetzt grob vereinfache). Und sollte Ihnen gegenüber jemand behaupten, daß Sie in Wahrheit nicht existieren würden, könnte sich dieser auf eine recht eindrucksvolle Demonstration Ihrer Existenz vorbereiten.

Doch genug der Späße. Der Trennungsstrich zwischen Tod und Leben ist deut­lich genug. Ein fundamentaler Gegensatz, der uns allen wie ein Damokles­schwert über unserem Haupte schwebt und unerbittlich auf uns zukommt. Ande­rer­seits ist der Tod ohne das Leben nicht denkbar. Wer oder was sollte sonst sterben? Es besteht offensichtlich ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Gegensätzen. Der eine kommt ohne den anderen nicht aus.

Sehen wir uns einmal den Gegensatz zwischen Gestern und Morgen an. Was gestern geschah und morgen geschehen wird, ist unendlich weit voneinander entfernt. Es besteht keine Chance, daß sich dieser Prozeß einmal umkehren läßt, d.h. Zukünftiges in der Vergangenheit auftaucht und umgekehrt (abgesehen von den Hoffnungen utopischer Schriftsteller wie z.B. H.G.Wells mit seiner Zeit­ma­schine). Und doch ist jedem klar, daß Zukunft ohne Vergangenheit nicht existie­ren kann. Wie sollen jemals in der Zukunft Menschen leben, wenn wir heute nicht dafür sorgen, daß sie dort leben können, z.B. durch Fortpflanzung.

Ver­gan­genheit und Zukunft, wobei die Gegenwart als eine Mischung von beiden erscheint, gehören zusammen wie siamesische Zwillinge oder wie die beiden Seiten einer Medaillie.

Auf eine einfache Formel gebracht, können wir nun diesen Zusammenhang zu­sam­menfassen:

„Gegensätze treten getrennt in Erscheinung und gehören doch zusammen.“

Einer der einfachsten Gegensätze ist der zwischen Licht und Schatten. Stellen Sie sich vor, Sie schauen in die untergehende Sonne oder in ein Scheinwerferlicht. Was sehen Sie dann noch?

Nichts, sie werden geblendet. Sie können erst wieder etwas sehen, wenn sie wegschauen bzw. das Blendlicht abgedunkelt wird. D.h. erst wenn der Gegen­satz von Licht, nämlich Schatten, vorhanden ist, können Sie das Licht überhaupt als solches erkennen und wahrnehmen. Umgekehrt genauso.

Was können wir nun mit dieser eigentlich recht banalen Erkenntnis anfangen? Nun, sehen wir uns doch einmal den Gegensatz zwischen Ihnen und mir an. Sie sitzen jetzt, durch Zeit und Raum getrennt von mir, in irgendeinem bequemen Sessel, lassen sich unterhalten, während ich auf einem harten Stuhl vor meinem Computer sitze und mühselig die Gedanken aus meinem Hirn klaube. Vielleicht sind Sie weiblich, älter oder jünger als ich, braune Haare statt meiner blonden, usw. Wir beide stellen in vielen Beziehungen sicherlich einen Gegensatz dar. Und doch (siehe oben) gehören wir zusammen wie siamesische Zwillinge?

Ich höre Sie schon entrüstet aufschreien oder sehe Sie vielleicht milde lächeln…? Was verbindet uns? Keine Frage, es ist dieses Buch. Meine Stimme ertönt in diesem Moment in Ihrem Kopf. Sie lesen meine Gedanken. Ich bin Ihnen ganz nah. So nah wie Ihnen kein anderer jetzt nahe kommen kann. Obwohl wir im Prinzip völlig getrennt sind, bilden wir doch eine Einheit.

Sicher nur eine geistige Einheit, keine körperliche. Aber was bedeutet schon Körperlichkeit oder Materie. Wenn wir sie nicht über unsere Sinne wahrnehmen, also vergeistigen, existiert sie auch nicht. Im Grunde ist alles geistiger Natur, die nur existiert, weil wir existieren. Das mag auf Widerspruch stoßen, doch ich erinnere an die vorangegangenen Kapitel.

Bleiben wir bei uns. Ober besser bei dem Gegensatz zwischen Ihnen und mir bzw. zwischen Ihnen und jedem anderen x-beliebigen Menschen, dem Sie be­geg­nen, oder an den Sie denken. In dem Moment, in dem Sie ihn wahrnehmen oder sein geistiges Bild vor Ihrem inneren Auge aufsteigt, bilden Sie eine Einheit mit ihm. Ihre Gedanken und Ihre Gefühle verbinden sich mit ihm. Wenn Sie blind oder taub wären, würden Sie ihn vermutlich nicht wahrnehmen. Und wenn Sie durch andere Dinge abgelenkt wären, würden Sie auch nicht an ihn denken. Er, der Mitmensch, existiert nicht, zumindest solange nicht, bis er sich entweder selbst bemerkbar macht oder Sie ihn qua Gedankenkraft erfinden.

Es gibt immer zwei Ebenen, von denen wir unsere Wirklichkeit betrachten können. Eben die genannten Gegensätze. Wenn Sie sich auf den Standpunkt stellen, daß zwischen Ihnen und mir ein himmelweiter Unterschied besteht, dann ist das eine mögliche Sichtweise des Universums.

Die andere, gegensätzliche, hebt den Unterschied auf und sieht uns als Einheit. Als Einheit, die sich wechselseitig bedingt. Nach dem Motto, wenn Sie jetzt nicht mein Buch lesen würden, wüßten Sie nichts von meinen Gedanken. Und wenn ich nicht an Sie gedacht hätte, hätte ich nicht dieses Buch geschrieben. Eigentlich ganz einfach.

Daß die ganze Geschichte nicht so einfach ist, werden Sie daran merken, daß Ihnen jetzt immer noch nicht alles klar ist. Eher im Gegenteil. Sie sind verwirrter denn je. Was erzählt der da? Wie kann man das verstehen? Gleichzeitig getrennt voneinander zu marschieren und doch zusammenzugehören?

Denken Sie einmal an eine Münze. Das rechte Bild ist von dem linken sozusagen meilenweit ent­fernt, sie werden sich nie sehen können. Sie sind völlig diametral zueinander. Und doch gehören sie zusammen. Beide Seiten der Münze bilden diese erst. Ohne Seiten entsteht keine Münze. D.h. Gegensätze müssen sein, damit ein Ganzes entsteht.

Vielleicht sehen Sie jetzt klarer. Wenn nicht, ist auch nicht schlimm. Auf diese Problematik kommen wir noch reichlich zurück.

Die entscheidende Frage steht uns ja noch bevor. Es mag ja sein, daß Gegen­sätze notwendig sind, die trotz aller Gegensätzlichkeit eine Gemeinsamkeit bil­den. Aber handelt es sich nicht hierbei nur um ein sprachliches Kunstprodukt, des­sen praktischer Nutzen ohne Belang ist?

Vorsichtig formuliert würde ich sagen, daß es davon abhängt, was Sie daraus machen. Wenn Ihnen der bisherige Text nicht uninteressant vorkam und Sie eine nette Lesestunde hatten, könnten wir uns jetzt verabschieden, und damit wäre dieses Buch schon zu Ende. Ob nun das Licht der Gegensatz vom Schatten ist, oder die Vergangenheit gegensätzlich zur Zukunft steht, da kann man mit den Achseln zucken und darüber zur Tagesordnung übergehen.

Aber hier steckt mehr dahinter. Ein völlig anderes Weltbild als das, was sie in der Schule gelernt haben und Ihnen täglich scheinbar widerfährt. Ein praktisches Beispiel hierfür finden wir in der modernen Chaosforschung. Obwohl Chaos von Ordnung weit entfernt scheint, zeigte sich, daß selbst im größten Chaos gewisse Ordnungsprinzipien und umgekehrt in der stabilsten Anordnung chaotische Ansätze vorhanden sind.

„…Einsicht in die neue Vorstellung gewährt, die sich nun über die ganze Wissenschaft ausbreitet – die Einsicht, daß Zufälligkeit und Ordnung miteinander verwoben sind, daß das Einfache Komplexes einschließt, die Komplexität wiederum das Einfache umfaßt und daß Gesetzmäßig­keiten und Chaos sich auf immer kleineren Skalen abwechseln können.“ (Briggs u. Peat, Die Entdeckung des Chaos, München 1990)

Forschungen dieser Art werden z.B. dazu benutzt, qualitative Aussagen über komplexe Systeme wie z.B. das Wetter aufzustellen.

Wenn Gegensätze sich wechselseitig bedingen, dann gilt das auch für den Gegensatz zwischen Geist und Materie. Dann kann man die Welt sowohl als rein materiell auffassen als auch als rein geistig. Eine Art Einbildung, das Starren auf eine Wand mit beweglichen Schatten, die wir für die einzig Wirklichen halten.

Was aber ist wirklich?

Fragen wir die Naturwissenschaftler, werden die meisten denjenigen, der die Welt als rein geistiges Erlebnis bezeichnet, ins Irrenhaus verweisen. Lächerlich, schließlich braucht man da nur einmal so richtig mit der Faust auf den Tisch hauen, und schon weiß jeder, wie der Unterschied zwischen Geist und Materie beschaffen ist. Wer da anderes behauptet, muß ein Spinner bzw. Phantast sein, also nicht ernst zu nehmen. Dann schauen wir uns doch einmal die handfesten Beweise an.

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