Teil 3: Das Gegensatz-Prinzip – Seite 14 – Erkenne Dein Selbst
Das Ding an sich

Teil 3: Das Gegensatz-Prinzip

1.14 Nichts wissen, nichts wollen, nichts haben.

Wenn Sie glauben, daß Sie den Gipfel dieses Buches bereits erklommen haben, dann irren Sie sich. Die Forderung nach Bescheidenheit im letzten Kapitel ist tatsächlich eher bescheiden zu nennen gegenüber dem, was nun auf Sie wartet.

Es geht dabei um das Loslassen. Solange wir noch an irgendeinem Wunsch, an irgendeiner Vorstellung darüber kleben, wie wir leben möchten, wie die Welt funktioniert und wie überhaupt irgendetwas ist, war oder sein sollte, werden wir mit dem Gegenteil dessen konfrontiert, was wir glauben oder für wahr halten möchten. Wir halten damit das Rad der Geschichte in Schwung, ohne es bewußt zu wollen.

Wohlgemerkt, es geht um die Gegensätze, die wir durch die bekannte Un­gleichung auf den Plan rufen, weil wir krampfhaft (aus Angst oder aus Sehnsucht heraus) an etwas festhalten, was eigentlich losgelassen werden sollte.

Nehmen wir einmal an, daß Ihr Hund stirbt oder sonst ein Wesen, an dem Ihnen viel liegt. Als ganz normale Folge werden Sie Trauer verspüren. Sie vermissen ihn. Nach einer bestimmten Zeit wird dieses Gefühl in Ihr Unterbewußtsein sinken und sie können auch wieder Freude und Lust empfinden.

So weit, so gut. Auf das Gefühl der Liebe (Gemeinsamkeit) folgt das gegen­sätz­li­che Gefühl der Trauer (Trennung). Können Sie das verhindern? Können Sie die Trauer einfach loslassen? Nein.

Indem Sie sich darauf einlassen, ein Tier oder auch einen Menschen zu lieben, d.h. ihm einen geschätzten Platz in Ihrem Leben (oder auf Ihrer Bühne) einzu­räu­men, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als bei einem plötzlichen Weggang Trau­er und Schmerz zu empfinden. D.h. Sie werden Ihr eigenes Opfer. Manche Leute vermeiden deshalb derartige Situationen, weil sie dieses Trauergefühl nicht erleben wollen. Das bedeutet aber auch, daß sie einen wesentlichen Teil dessen, was Leben bedeutet, nicht mitbekommen. Und dieser Teil besteht nun einmal aus Liebe und Trauer oder aus Lust und Schmerz.

Wenn in diesem Zusammenhang von Loslassen gesprochen wird, sind zunächst einmal die Fälle gemeint, wo Menschen aus der Trauer nicht mehr heraus­kom­men, wo sie sich selber eingraben, abschotten, am Leben vorbeigehen. Diesen müßte man zurufen, laß los, zieh weg, such Dir einen anderen, vergiß endlich, usw. Also Fälle, wo übertrieben wird.

Das ist aber noch nicht alles. Wir hatten jegliche Form von Erfahrung als gegen­sätz­lich postuliert. D.h. wenn wir morgens aufwachen, tagsüber die Sonne ge­nießen, den Abend mit Freunden verbringen und nachts im Traum spazieren­ge­hen, erleben wir Gegensätze, die wir häufig nicht kontrollieren. Genauso wie wir atmen, essen oder schlafen müssen, erleben wir das Leben als einen Zwangs­mechanismus, der uns von der Geburt bis ins Alter und in den Tod treibt. Natür­lich haben wir den sogenannten freien Willen, aber was heißt das schon. Wür­den Sie aus dem Fenster springen, weil Sie Ihren freien Willen dokumen­tie­ren wollen?

Sicherlich nicht. Wer Selbstmord begeht, hat aus seiner Sicht keine andere Wahl. Es ist der letzte Ausweg. D.h. wir können zwar zwischen Kaffee oder Tee ent­schei­den, aber wenn wir das tun, dann tun wir es, weil es bestimmte Gründe dafür gibt. Vorliebe, Geschmack, Tageszeit, etc. Unsere Entscheidungsfreiheit wird dadurch faktisch auf Null gesenkt. So werden wir selten etwas tun, was nicht zumindest auch uns einen Vorteil bringt. Wer macht schon Dinge, bei denen er etwas verliert?

Überlebenstrieb, Selbstbehauptungswille, Egoismus, Machtstreben, Genußsucht, Bequemlichkeit, usw, usw. sind alles Motive, die unseren Lebensweg begleiten und gestalten. Und wenn es, wie gesagt, nur Hunger und Durst ist.

Was soll das nun heißen? Sollen wir einen Strick nehmen und uns erschießen, oder uns fatalistisch in die Ecke setzen und auf die Erleuchtung warten?

Hören wir noch einmal den Originalton von Meister Eckhardt, einer zentralen Gestalt der mittelalterlichen Mystik.

„So lange du deine Werke tust um des Werkes willen, um Gut, Innerlichkeit, Heilig­keit, Lohn oder Himmelreich, so lange ist dein Tempel ein lärmender Jahrmarkt. So lange du deine Werke tust aus äußerem Antrieb, um Gottes oder deiner eigenen Seligkeit willen, so ist es wahrlich nichts Rechtes mit dir. Dies gilt für alles Streben und Wollen, Denken, Vorstellen, Glauben, Wähnen und Hof­fen. Jede Einbildung von Bildern, jede Vorstellung, jedes Haften an äußeren Zei­chen und jedes Schauen hindert am Erfassen des ganzen Gottes.

Und was ist Gott?

Gott ist gut, Gott ist weise, Gott ist unendlich, Gott ist gerecht – das alles ist so unsinnig, als wenn ich das Schwarze weiß nennen würde. Du bis das, was du über deinen Gott denkst, und lästerst ihn, wenn du ihn damit behängst. Nimm ihn ohne Eigenschaft als überseiendes Sein und eine überseiende Nichtheit.“ (Meister Eckhardt, in J.Zeisel, Die Geburt Gottes in der Seele, esotera 1985)

Und damit sind wir wieder bei unserem Potential. Wenn wir aus dieser einseitigen Veranstaltung, genannt Leben, womit ich nicht leugnen will, daß das Leben auch schöne Seiten hat (zwangs­weise), und seinem Gegensatz, dem Tod, herauskommen wollen, müssen wir zunächst jegliche Form von Wollen in uns auflösen. Herrlich, dieser Gegensatz!

D.h. selbst der Wille, einen Blick in dieses Potential zu werfen, darf nicht in uns wohnen, wie Meister Eckhardt sagt. Wenn Sie mich jetzt fragen, wie das denn möglich sei, werde ich Ihnen schweigend den Weg weisen.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, was uns erwartet, sollte es jemals gelin­gen, die Pla­ton’sche Höhle zu verlassen und dem Potential von Angesicht zu An­ge­sicht gegenüberzustehen, was sicherlich unsinnig ausgedrückt ist, aber was macht schon Sinn?

Die Persönlichkeit des Einzelnen, sein Ego, wird sicherlich an Bedeutung ver­lie­ren, wenn die Gegensätze sich nach und nach auflösen, mit denen wir heute noch zu kämpfen haben. Wenn wir lernen, unsere Begierde im Zaum zu halten oder besser abzulegen, gewinnt das Denken und Handeln für andere mehr Raum. Und nicht nur das. Das Gefühl für die Ganzheit des Augenblicks wird stärker empfunden, d.h. das Bewußtsein hält auch im Alltag immer öfter an, um die Gemeinsamkeit zwischen Innen und Außen festzustellen und zu genießen.

Wichtiges und Unwichtiges hält sich immer mehr die Waage. Es ist alles gleich wichtig und unwichtig. Die Angst läßt nach, irgendetwas zu verpassen, aber auch die Angst vor Unheil und Strafe. Da jeder für sein Schicksal verantwortlich ist, und in gewissem Sinne auch für das Schicksal der anderen, sind es die eige­nen Taten, die die Angst hervorrufen. D.h. wenn ich mein Bestes tue oder mich, wie Castaneda ausdrückt, wie ein makelloser Krieger verhalte, dann spielt das Ergebnis meiner Bemühungen keine Rolle. Dann bin ich frei. Lasse ich mich jedoch von rein egoistischen Erwägungen leiten, weil ich unbedingt etwas wis­sen, haben oder vermeiden will, muß ich auch die Verantwortung für die gegen­sätz­lichen Konsequenzen übernehmen.

“Wer alles Hängen an der Werke Frucht aufgab, zufrieden immerdar und nirgends Zuflucht sucht, der handelt wahrlich nicht selbst, wenn er Werke tut. Wer zufrieden mit dem, was er immer bekommt, neidlos und von der Gegen­sätze Paaren frei, sich gleichbleibt in Erfolg und Mißerfolg, der ist, auch wenn er handelt, nicht gebunden. Bei dem Befreiten, Bindungslosen, dessen Denken in Erkenntnis gefestigt, werden die Werke gänzlich aufgelöst.

Dieses Zitat stammt nicht von Meister Eckhardt, sondern ist der Bhagavad-Gita ent­lehnt, einer heiligen Schrift der Hinduisten. Der Weg vom Gegensatz zur Ganz­heit, zurück ins paradiesische Potential, ist also auch ein Weg ins Heiligtum. Sie lesen richtig. Heilig kommt von heil und damit ganz. Wenn wir unser Innen und Außen wieder zusammenführen, werden wir heil(ig). Ganz auto­matisch. Ob es jemanden paßt oder nicht. Doch bevor wir mit dem Heili­gen­schein herumlaufen, ist noch eine Menge zu tun, und damit werden wir uns in der zweiten Hälfte dieses Buches beschäftigen.

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