Eine philosophische Entdeckungsreise

Das Spiel mit dem Gegensatz

1.4 Die Schweizer-Käse-Welt

Wenn wir überhaupt etwas verstehen wollen, in dieser Welt, die nur scheinbar so festgefügt und sicher ist, müssen wir uns als erstes von der Vorstellung lösen, daß die Welt einem Kochtopf gleicht, in dem wir wie die Reiskörner herum­schwim­men und nur darauf warten, verspeist zu werden.

Hören wir uns doch einmal folgende Schilderung an:

„Ich verlor mein Individualitätsbewußtsein; mein Ich löste sich auf, und ich um­faßte in mir die Gesamtheit aller Existenzen. Manchmal war diese Erfahrung imma­teriell und inhaltslos, manch­mal war sie von vielen schönen Visionen begleitet – archetypischen Bildern des Paradieses, der höchsten Fülle, des Gol­de­nen Zeitalters, der jungfräulichen Natur. Ich wurde zu Fischen, die in kristall­klaren Wassern schwimmen; Schmetterlingen, die über Bergwiesen gaukeln; Mö­wen, die übers Meer hingleiten. Ich war das Meer, die Tiere, Pflanzen, Wolken – manchmal alle diese Dinge gleichzeitig …“

Was glauben Sie, worum es sich hier handelt. Ein Traum, ein Märchen? Viel­leicht beides? Es ist immerhin ein Wissenschaftler, der sich als Testperson für LSD-Versuche zur Verfügung gestellt hatte, der ein derartiges Erlebnis schilderte (Grof, S.: Topographie des Unbewußten, Stuttgart 1983, S. 134).

Paranormale Wahrnehmungen nennt man diese Zustände, die nicht nur nach Einnahme von Drogen und anderen Rauschmitteln auftreten können, sondern auch Begleiterscheinungen von psychischen Krankheiten sind (Häufig wesentlich unangenehmer). Auch Yogis und andere Meister berichten von Zeit zu Zeit von derartigen Wahrnehmungen, dann Erleuchtung genannt. Um das Maß voll­zu­ma­chen, können wir auch noch die esoterischen Berichte von Magiern und Hexenmeistern hinzunehmen, die Begegnungen mit Geistern schildern, nachts aus ihrem Körper in eine andere Welt steigen, usw. (siehe Teil 1: Von Meister Eckhart bis Carlos Castaneda – Reise durch eine andere Wirklichkeit)

Alles Humbug? Oder Hallunzination?

Selbst wenn das so ist, welche Bedeutung hat es, wenn wir ein derartiges Erlebnis als Einbildung bezeichnen, wenn es für den Kranken oder für den Yogi als Wirklichkeit erlebt wird? Gar keine. Im Grunde ist es nur eine Schutz­be­hauptung für uns, da wir mit diesen Schilderungen nichts anfangen können, weil sie unseren normalen Wahrnehmungen widersprechen. Aber was heißt schon normal? Damit ist doch kein Anrecht auf Wahrheit verbunden, oder doch?

Wie dem auch sei, veränderte Bewußtseinszustände scheinen die räumlichen und zeitlichen Grenzen zu sprengen, denen wir im allgemeinen unterliegen. Wie im Traum ist alles möglich. Gestern wird mit morgen vertauscht, Tote stehen wieder auf, das Ich verwandelt sich in andere Bewußtseinsformen und mehrere Ereignisse werden gleichzeitig erlebt. Das verwirrt besonders, denn wie kann jemand gleichzeitig die Geschichte der Welt erleben oder sich als Fisch und als Schmetterling fühlen?

Natürlich finden ständig bestimmte Ereignisse gleichzeitig statt. Wenn wir im Fernsehen die Nachrichten sehen und hören, fährt auf der Straße ein Auto vor­bei und in der Nachbarwohnung plärrt vielleicht ein Kind. Bewußt nehmen wir aber nur den Sprecher oder die Bilder wahr, d.h. unsere Aufmerksamkeit wählt nur einen kleinen Ausschnitt aus den Möglichkeiten, die sich gleich­zeitig erge­ben. Mehr können wir gar nicht verarbeiten. Wir sind darauf angewiesen, nur be­stimm­te Dinge, Personen, Gedanken, Gefühle wahrzunehmen, sie auftauchen und wieder ver­schwinden zu lassen, damit wir überhaupt etwas mitbekommen. Wenn wir alles auf einmal wahrnehmen wollten, wären wir überfordert.

Aus dieser Normalsituation, in der Ereignisse kommen und gehen, konstruieren wir einen Zeitablauf von der Vergangenheit über die Gegenwart bis zur Zukunft. Die Sonne geht morgens auf, mittags ist man hungrig und abends geht’s müde ins Bett. Aber ist dieser Zeitablauf unabänderlich? Müssen wir die Sonne auf uns zukommen lassen genauso wie den Briefträger oder den Tod?

Dem natürlichen Tod können wir durch Selbstmord zuvorkommen, auch dem Brief­träger können wir entgegengehen, und wer der Sonne per Flugzeug entgegeneilt, wird sie wesentlich eher erleben. Durch unsere eigene Aktivität können wir also den gewohnten Ablauf der zeitlichen Ereignisse beeinflussen. Das ist ja schon einmal etwas. Wie sieht es aus mit der Gleichzeitigkeit von be­stimm­ten Wahrnehmungen, die wir normalerweise nur nacheinander mit­be­kommen?

Ein Beispiel: Wir fahren in einem Auto auf einer Landstraße. Die Straßenbäume fliegen an uns vorüber. Autos kommen uns entgegen und huschen vorbei. Alles, was hinter uns bleibt, können wir als Vergangenheit ansehen. Die Gegenwart ist der Eindruck der vorbeiziehenden Gegenstän­de und die Sicht auf die voraus­liegende Fahrbahn. Die Zukunft liegt hinter der nächsten Straßenkehre. Dort sind vermutlich auch Bäume, Autos und die Straße. Vielleicht sogar ein Unfall­hindernis oder eine Ölspur. Wir wissen es noch nicht.

Wenn man will, kann man dieses Bild symbolisch auf unser ganzes Leben übertragen. Die Bäume, Autos und die Straße, die hinter uns liegen, entsprechen unseren Erlebnissen, die wir gestern, letztes Jahr oder in der Kindheit hatten. Die Wahrnehmung der Gegenwart, also dem, was wir in diesem Augenblick oder im näch­sten erleben, entspricht dem vorbeiziehenden Verkehr. Und hinter der näch­sten Straßenkehre liegt das Morgen, dem unsere Ängste und Wün­sche gelten.

Wie könnten wir diesen scheinbar determinierten Zeitablauf nun aufheben? Wie können wir gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft überblicken? In unserem Beispiel ist das ganz einfach. Wenn wir unser Auto kurzfristig in einen Hubschrauber verwandeln, brauchen wir uns bloß einige Hundert Meter in die Höhe zu bewegen, und schon können wir nicht nur den Straßenabschnitt über­sehen, den wir hinter uns gelassen haben, sondern auch den, der noch vor uns hinter der nächsten Kurve liegt. Mit einem Blick erfassen wir, was uns vorher noch als ungewisser Zeitablauf erschien.

Sie werden jetzt mit Recht einwenden, das sei gut und schön, aber einmal sei das Leben keine Landkarte, und ein Hubschrauber mit derartigen Möglichkeiten wür­de auch nicht zur Verfügung stehen. Gut, aber welche Funktion erfüllt eigentlich der Hubschrauber?

Wenn wir das Bewußtsein als das Wissen vom Sein definieren, erweitert er die­ses Wissen durch mehr Übersicht, durch den Aufstieg in eine zusätzliche Dimen­sion. LSD z.B. scheint deshalb so eine Art geistiger Hubschrauber zu sein, mit dem gelegentlich eine Bewußtseinserweiterung der beschriebenen Art gelingt. Aber auch ohne diese Droge, nur durch Meditation und Konzentra­tion, ist so etwas möglich.

Es ist möglich, weil, wie schon gesagt, der normale Ablauf der Dinge in Zeit und Raum nur eine bestimmte Art des Erlebens widerspiegelt. Und zwar eine Art, die uns ermöglicht, in dieser Welt zu überleben. Verändern wir den Standort unserer Beobachtung, verändert sich auch die Form unserer Wahrnehmung.

Wahrnehmung heißt ja nichts anderes, als das wir etwas wahr-nehmen, d.h. für wahr definieren. Und zwar völlig subjektiv. Jeder hat seine eigene Wahr­neh­mung, wie vorhin bereits erwähnt und wie man z.B. bei der Vernehmung von Unfallzeugen feststellen kann.

Worauf ich letztlich hinaus will, das wird Ihnen sicherlich schon klar sein, ist, daß der Glaube, und es ist nicht mehr als ein Glaube, daß die Welt einfach ein Haus ist, irgendwann, auf sicheren Fundamenten ruhend, für eine Ewigkeit gebaut, daß dieser Glaube nicht unabänderlich ist. Wenn wir uns mit offenen Augen umsehen, dann sehen wir doch, daß nicht alles so geregelt und in festen Bahnen abläuft, wie wir uns das vormachen. Die simple Tatsache, daß jeder Tag 24 Stun­den hat und die Nacht mindestens sechs bis acht Stunden dauert, diese Tatsache, die unseren Tagesablauf entscheidend beeinflußt, wird völlig aufgeho­ben, wenn man z.B. von New York nach Frankfurt fliegt. Dann hat der Tag plötz­lich nur noch 18 Stunden und die Nacht gibt allen­falls ein kurzes Gastspiel. Wo bleibt da unser gewohntes Weltbild? Wo sind die sechs Stunden, die uns fehlen? Sicher, man kann vieles erklären, aber die scheinbar so festgefügte Ordnung ist dahin.

Ordnungen sind nicht, genauso wie Weltbilder, für die Ewigkeit gezimmert. Im Mittelalter waren die Menschen fest davon überzeugt, daß die Erde eine Scheibe sei und im Mittelpunkt des Universums stehen würde. Was ist davon, wie vieles andere, geblieben? Oder die Zahlenreihe

4,9,1,0,3,2,2,5,1,1,3,4,2,2,2,5,8,6

wird als zufällig angesehen, es sei denn, wir wählen die fettgedruckten heraus (1,2,3,4,5,6), dann haben wir eine wohlbekannte und vor allem geordnete Reihe. Aber worin unterscheidet sie sich von der anderen? Nur allein dadurch, daß wir sie besonders hervorheben. Genauso könnten wir eine ganz andere Kombination, z.B.

9,1,4,7,3,0

als geordnet ansehen und benutzen.

Daß morgen wieder die Sonne aufgeht und den Tag beleuchtet, ist lediglich eine Vermutung. Zwar eine besonders wahrscheinliche, aber absolut sicher können Sie nicht sein. Und wenn es nur eine Sonnenfinsternis ist, die Ihnen entgangen ist oder Schlimmeres, wie ein globaler Atomkrieg, der plötzlich entsteht. Auch Steine fallen nicht immer und überall nach unten (siehe Weltraumbedingungen) und das Wasser fließt nicht absolut sicher vom Berg ins Tal (Flutwelle vom Meer). Die Welt ist wie ein löchriger Käse, auf dem man bei genauerem Hinschauen von einem Loch ins nächste fällt.

  • Anonymous

    Vielen Dank für dieses Buch. Es ist seit langem ein Buch das ich sofort komplett bis zum Ende gelesen habe. Viele Grüsse Willy

    • hulrich

      Vielen Dank, Willy! Ist schön, wenn mal jemand antwortet und dann noch so positiv. Für weitere Fragen oder Kommentare stehe ich gerne zur Verfügung. Hans Ulrich

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